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Der Hauch des Winters


Thiel entdeckt die kalte Jahreszeit.

Rating: G
Wörter: ~ 1600
Warnungen: Winterkitsch mit Puderzucker
Disclaimer: Alles pure Fanfiction, an der ich nichts verdiene.
Beta: Tausend Dank an das Bommelchen, das spontan als Notfallbeta eingesprungen ist und ganz viele tolle Anregungen und Ideen mitgebracht hat. Du bist die Beste! ♥




Der Hauch des Winters


Der Winter ist eigenartig. Die Kälte hat die Natur eingefroren, sie sieht aus wie eine alte, verblichene Fotografie. Alles riecht nach Wasser. Auf dem Land werden die Gerüche schwächer, in der Stadt werden sie stärker. In der Einkaufsstraße brutzelt der Maronenmann seine Kastanien über dem offenen Feuer, aber die meisten Leute gehen achtlos an ihm vorbei. Nur ein kleiner Junge steht in einiger Entfernung an der Hauswand und sieht mit großen Augen herüber.

Thiel lehnt sich gegen die Beifahrertür des Taxis und schaut zu, wie der Maronenmann die Maronen wendet. Fast glaubt er, den würzigen Geruch wahrnehmen zu können, aber das ist bloß Einbildung, dazu steht er zu weit weg. Der Gestank, der aus der Motorhaube des Taxis aufsteigt, überdeckt ohnehin alles. Und trotzdem hat der Geruch nach Maronen sich in seinem Kopf festgesetzt, eine hartnäckige Kindheitserinnerung. Mit einem Mal muss er an den Jungfernstieg in Hamburg denken, er weiß nicht, wieso.

„So, da bin ich wieder.“ Herbert tritt zu seinem Sohn. „Na siehste, inzwischen hat der Wagen aufgehört zu qualmen. Der wird schon wieder, geht gleich weiter.“

„Gleich ist hoffentlich noch heute“, sagt Thiel düster. „Ich muss in die Rechtsmedizin, Vaddern, ich bin jetzt schon spät dran, und wenn du deine Karre endlich mal in die Reparatur bringst -“

„Ja, schon gut“, unterbricht ihn Herbert. „Im Alter hilft auch die Reparatur nicht mehr viel, was will man machen? Ist doch nicht meine Schuld. Hier, ich hab dir einen Glühwein mitgebracht. Trink ’nen Schluck, dann sieht die Welt gleich besser aus.“ Er streckt die Hand aus und hält Thiel eine dampfende Tasse vor die Nase. Die fruchtige Süße von warmem Glühwein weht ihm entgegen.

„Lass stecken“, murmelt Thiel und schiebt die Tasse von sich.

Herbert zieht ein enttäuschtes Gesicht und Thiel wendet den Blick ab. Auf der anderen Straßenseite hat sich ein Mann zu dem kleinen Jungen gesellt. Er trägt den gleichen weiß-grün-gestreiften Schal, lächelt ihm zu und reicht ihm eine Tüte mit Maronen. Die Augen des Jungen leuchten auf, sein Vater wuschelt ihm über den Kopf und darf dafür eine Marone von seinem Sohn stibitzen.

„Andererseits“, sagt Thiel, „was Warmes im Magen ist bei der Kälte sicher nicht schlecht.“ Er streckt die Hände aus.

Herbert grinst und reicht ihm die Tasse.


*


Am Ende fährt er doch mit dem Fahrrad zur Rechtsmedizin. Der Wind pfeift ihm um die Ohren und fährt unter seine Kleidung. Im Institutskeller ist es auch nicht viel wärmer. Fröstelnd schlingt Thiel die Arme um sich, während er die kahlen Gänge entlang schreitet. Seine Nase kribbelt, juckt, er schnieft und muss plötzlich niesen. Keine Erkältung, bitte keine Erkältung, betet er.

Er geht ein paar Schritte weiter, dann hört er eine Stimme und hält inne. Eine einzelne Frauenstimme, leicht und melodiös, und Thiel braucht einen Moment, bis er das Lied erkennt. Ohne die süßlichen Glöckchen und die Synthie-Begleitung klingt es seltsam reduziert. Es ist die Melodie des Weihnachtssongs, den sie seit Tagen in der Endlosschleife auf jedem Radiosender spielen, bis er sich totgelaufen hat und kalt klingt. Die Worte sind so bedeutungslos geworden, dass Thiel sie nicht einmal mehr hört. Was übrig bleibt, sind die Töne. Sie wirbeln durch den Kellerflur und machen ihn ungewohnt bunt und lebendig.

Ein warmes Kribbeln zieht durch seinen Magen und Thiel muss plötzlich grinsen. Er hat das eigenartige Verlangen, mitzusummen. Aber er möchte nicht stören und daher bleibt er auf dem Gang stehen, lauscht der Stimme bis zum Schluss. Erst, als im Obduktionssaal eine Tür zuknallt, verebbt die Melodie. Thiel setzt sich wieder in Bewegung.

„Oh, Herr Thiel.“ Frau Haller lächelt ihm entgegen, als er die Arbeitsräume betritt. „Tut mir leid, der Chef ist gerade gegangen. Jetzt bin leider nur noch ich hier. Sie sind etwas spät dran heute.“

Thiel hebt die Schultern. „Ansichtssache“, findet er.


*


Als er sein Büro betritt, denkt er zuerst, er sei im falschen Raum gelandet. Über dem Fenster hängt eine Lichterkette und auf seinem Schreibtisch steht eine Schneekugel mit einer Winterlandschaft. Die Glasscheibe zwischen seinem und Nadeshdas Büro ist mit glitzernden Papiersternen beklebt.

„Gefällt’s Ihnen?“, fragt Nadeshda, die ihm durch die Tür gefolgt ist. „Ich hab gedacht, so fällt das Arbeiten vielleicht ein bisschen leichter.“

„Muss das sein?“ Mürrisch beäugt Thiel die Dekoration. Das Phantombild des Verbrechers, das schon seit Monaten an der Glasscheibe hängt, trägt eine Sternenkrone, er sieht aus wie einer der Könige aus dem Morgenland. „Das ganze Gebammel lenkt mich eher ab beim Arbeiten.“

Nadeshda hebt die Schultern. „Ich kann’s gerne wieder abmachen, wenn Sie möchten“, sagt sie gleichgültig.

„Suchen Sie lieber die Adresse von unserem Verdächtigen heraus“, antwortet Thiel, während er sich durch die Papierstapel auf seinen Schreibtisch wühlt. Damit ist das Gespräch beendet: Nadeshda verschwindet ins Nebenzimmer und die Weihnachtsdekoration wird nicht mehr erwähnt. Den Vormittag über ist Thiel unterwegs, er untersucht die Wohnung des Mordopfers und befragt die Nachbarn. Den Nachmittag über sitzt er in seinem Büro und denkt nach. Zuerst blickt er zum Fenster hinaus, aber die Sonne verschwindet früh, so dass es schon bald stockfinster hinter der Glasscheibe ist. Thiel dreht sich auf seinem Stuhl herum und starrt stattdessen auf die Schneekugel auf seinem Schreibtisch. Im Inneren befindet sich eine nostalgisch gestaltete Landschaft: er erkennt drei Tannen, ein Knusperhäuschen und eine bauchige, bunt bemalte Figur mit Frauengesicht. Sie sieht aus wie eine Matrjoschka, wie jene russischen Spielzeugpüppchen aus Holz, in deren Innersten man nach dem Öffnen einen Satz an kleineren Gestalten entdeckt.

Vorsichtig dreht Thiel die Schneekugel auf den Kopf. Auf der Unterseite kann er einen blassen Schriftzug ausmachen. Nadeshda steht dort, die lateinischen Buchstaben ungelenk und wie von Kinderhand gemalt, fast verschwunden im Laufe der Jahre.

Thiel lächelt und setzt die Schneekugel zurück auf den Tisch. Als er sie umdreht, wirbeln die Glitzerflocken durcheinander und für einen kurzen Augenblick wird die tote Landschaft im Inneren wieder lebendig.


*


Auf dem Tischchen neben dem Kaffeeautomaten entdeckt er eine Schachtel, darin türmt sich ein Haufen großer, goldgelber Plätzchen, bestreut mit Puderzucker. Daneben liegt ein Zettel mit makelloser Schönschrift: Selbstgemachte Plätzchen für alle, fröhliche Weihnachten. Thiel greift sich im Vorbeigehen eine Handvoll heraus. Von einem beißt er ab. Es ist ziemlich hart und schmeckt nach Mehl und Butter, wie die Billigkekse aus dem Supermarktsonderangebot.

„Schmeckt’s?“, fragt eine rauchige Stimme hinter ihm.

„Ziemlich trocken.“ Thiel verzieht das Gesicht und wendet sich um. „Tja, selbstgemacht ist halt nicht immer besser.“

Die Miene der Staatsanwältin bleibt unbewegt. „Danke“, sagt sie.

Es dauert einen Moment, dann begreift Thiel. „Oh, ich … ich wusste nicht“, stottert er und macht eine verlegene Bewegung zu der Plätzchenschachtel herüber, „also, ich - ich hatte ja keine Ahnung, dass Sie so eine saubere Handschrift haben …“

„Ich hatte in Schönschreiben immer eine Eins“, sagt die Klemm. Ihr Blick ist streng, aber ihre Mundwinkel zucken. Thiel versucht, sie sich beim Plätzchenbacken vorzustellen, mit hochgekrempelten Ärmeln, mehlverschmierten Fingern und einer Schürze. Es gelingt ihm nicht recht. In seiner Vorstellung trägt sie immer elegante schwarze Hosen, glattgebügelt und fleckenlos, und die Zigarette hängt ihr zwischen den Lippen. Weil er nicht weiß, was er sagen soll, beißt er stattdessen erneut von dem Plätzchen ab. Auf einmal hat er statt trockenem Teig etwas Süßes, Klebriges im Mund, das nach Erdbeeren und Sommer schmeckt. Überrascht blickt er auf das Plätzchen herab. Es ist mit Marmelade gefüllt.

„Vergessen Sie Ihren Verdächtigen in U-Haft nicht“, sagt die Klemm. „Frohe Festtage, Thiel.“ Das Lächeln macht ihr Gesicht weicher, jünger.

„Frohes Fest, Frau Klemm“, antwortet Thiel mit einem Grinsen.


*


„Finden Sie es nicht auch interessant“, sagt Boerne neben ihm, „dass die Goten ihr Alter in Wintern gezählt haben? Je mehr Winter einer erlebt hatte, umso reifer, umso erfahrener war er.“

Thiel hört ihm kaum zu. Sein Kopf dröhnt und er ist sich sicher, dass es nicht vom Wein kommt. Draußen vor dem Fenster brennen die Straßenlaternen, Schneeflocken wirbeln durch ihr Licht und verglühen auf der warmen Fensterscheibe. Das Sofa, auf dem Thiel sitzt, ist so weich wie Butter, beinahe hat er das Gefühl, darin zu versinken.

„Thiel?“ Eine Hand stupst vorsichtig gegen seine Schulter. „Schlafen Sie etwa? Sie werden sich am Ende doch nicht erkältet haben? Die Farbe Ihrer Nase verleiht Ihnen eine erstaunliche Ähnlichkeit mit dem Rentier Rudolph, wissen Sie das?“

„Hm“, macht Thiel und schließt die Augen. Er spürt, wie sich die Sofapolster neben ihm bewegen. Boerne steht auf, seine Schritte entfernen sich, kehren zurück, dann senkt sich Wärme über Thiel. Es ist eine Wolldecke. Sie fühlt sich rau und trocken an, ein wenig wie Gras im Sommer. Als er die Hände ausstreckt, um die Decke an sich zu ziehen, streift er Haut, die nicht zu ihm gehört. Ohne die Augen zu öffnen, schließt er den Griff um die fremden Hände und hält sie fest, nur für einen kurzen Moment. Sie sind kühl und glatt – Thiel denkt an Eiskristalle und löst den Griff wieder, bevor sie in der Wärme schmelzen.

Boerne räuspert sich und zupft die Wolldecke ein wenig zurecht. „Ist Ihnen immer noch kalt?“, fragt er.

Nein, die Kälte ist verflogen. Wie ein Kokon schließt sich die Wolldecke um Thiel, er fühlt sich träge und schwer. Ob Boerne ihm erlauben würde, auf seinem Sofa einzuschlafen? Vielleicht, Boerne ist sehr eigenartig heute, aber Thiels Gedanken sind zu schwer, als dass er sich lange darüber wundert. Der gesamte Winter ist eigenartig, er stellt komische Dinge mit den Menschen an.

Draußen vor dem Fenster schneit es inzwischen dicke Flocken und die Natur verschwindet unter einem einheitlich weißen Teppich. Acker, Wiesen, Straßen, alles sieht gleich aus. Der Verkehrsfunk gibt Schneesturmwarnungen aus und rät den Menschen dazu, im Haus zu bleiben. Auf dem Land wird alles kälter und weiter, aber in der Stadt wird es warm und nahe.

Thiel rutscht noch etwas tiefer unter die Decke, bevor er einschläft.


*
Tags: #fiction, *oneshot, adventskalender 2011, fluff, freundschaft, rating: g, winter, zucker
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